Chaosbeobachtung

Es herrscht Chaos im Lehrerzimmer, das selbst mit wohlwollend zugedrückten Augen bloß als solches klassifiziert werden kann. Die Tische sind zu Gruppen zusammengeschoben (Wer war denn das schon wieder?) und vollgemüllt. Das meine ich so. Vollgemüllt.

Da liegen übereinander Stapel von Klausurheften, halbkorrigierten Tests und eingesammelten Ordnern, Federtaschen, Schlampermäppchen, viele verschiedene Stifte, auch ein kaputter Kugelschreiber, eine Packung Boardmarker, ein Edding, der sowieso wieder in irgendeiner der Lehrertaschen enden wird, wo er früher oder später doch an eine der Tafeln kommt.

Unter, zwischen und in diesem Durcheinander kann man allerlei finden, da gibt es die interessanteste Fachlektüre, private Bücher, Post-Its mit allen möglichen Notizen, Textmarker neben Taschentuchpackungen, Kreidestücke neben Uhren, dann Kleber, Tesafilm und Scheren. Weiter geht es mit Büroklammern, Informationszetteln, Tackern und Notizheftern sowie Briefumschlägen und Deckweiß. Bei der einen Kollegin findet man Lipgloss, der nächste hat seine Brille liegen lassen, Erinnerungsfotos vom letzten Familienurlaub sind ebenso anzutreffen wie unglaublich lustige Scherzartikel.

Dazu kommen die ganzen Unterrichtsmaterialien, die man ja nicht in den Gang oder zwischen die Tische stellen kann, da dort leider kein Platz ist. (Oder jemand drüber fallen würde.) Das heißt in den Unmengen von Sachen liegt noch viel mehr begraben, als es sich dem ungeübten Auge offenbart. Da sind Würfel und -becher, ein Kollege hat Draht angeschleppt, ein anderer eine Küchenwaage, hier sind Knete und Sand zu finden, dort Teelichter.

Jemand hat eine Flasche Cola auf dem Tisch stehen, ich weiß nicht, ob es einer der Biolehrer oder Chemiekollege ist, der ein Experiment machen will oder bloß jemand aus dem Kollegium gern Cola trinkt. Eingepackte Sandwiches und Brote gibt es auch zuhauf, nett sind die Äpfel, die mittlerweile braune Stellen haben, und die unter dem anderen Kram ganz nach der Regel „Aus den Augen, aus dem Sinn.“ vergessenen (hoffentlich nicht noch weihnachtlichen) Mandarinen.

Manche der Tische sind so voll, dass ich mich frage, wie die Kollegen es überhaupt schaffen daran zu arbeiten, und vor einem Tag wurde mir eindrucksvoll bewiesen, wie es geht.
Denn Frau Corr saß auf ihrem Platz, das Wörterbuch auf den Massen von Krempel aufgeschlagen, den Grammatikordner zwischen dem Zeug auf dem Tisch. Auf ihren angezogenen Beinen lag ein Heft, in der linken Hand hielt sie ihren Korrekturzettel, mit der rechten blätterte sie in einem anderen Heft und nuschelte irgendetwas, was man leider nicht verstehen konnte, da sie ihren Füller im Mund hatte. Zwischendurch schaffte sie es noch Herrn Donalds Blicke zuzuwerfen, und im richtigen Moment den Stift aus dem Mund zu nehmen um in den Kuchen zu beißen, der ihr Mal-wieder-Freund ihr mitgebracht hatte.
Frau Corr hatte das System dermaßen perfektioniert, dass ich fast glaube, dass sie nicht einmal einen Tisch benötigt hätte.

Die Unordnung schafft natürlich Unzufriedenheit, demnach gibt es dauernd Beschwerden: „Es kann doch nicht so schwer sein ein wenig Ordnung zu halten.“ „Schlimmer als in den Klassen.“ „Das reinste Chaos.“ „Man sollte meinen erwachsene Menschen seien fähig zumindest ein wenig strukturierter zu arbeiten.“
Und wenn die Kollegen sich dann lang genug beschweren, dann schaffen sie es sogar hier und da, einen der anderen Lehrer zum Aufräumen zu bewegen. Wie kleine Lichtblicke scheinen dann die Löcher, welche die aufgeräumten, kleinen Tischanteile im großen Ganzen machen. Aber sie halten glücklicher Weise nicht lang an, sondern sind spätestens nach einem Tag wieder zugemüllt, zwei, wenn der Kollege seinen freien Tag hat.

Heute mussten wir wieder einmal feststellen, wie unpraktisch das Drunter und Drüber ist, denn Herr Seifert kam nach der sechsten Stunde zurück ins Lehrerzimmer, kaum drei Minuten, nachdem er sich von uns verabschiedet hatte. „Ich habe nur meinen Schlüssel vergessen.“
Er grinste müde, fuhr sich über die linke Gesichtshälfte und begann zu suchen. Erst zwei Minuten, danach drei, dann fünf vergehen, und das ist der Moment, in dem er die Lust verlor. Die Sachen flogen bei seinem wilden Durchsuchen auf die anderen Tischseiten, er stapelte sie auf seinem Stuhl, fluchte, suchte weiter. „Verdammt nochmal, wo sind diese vermaledeiten Schlüssel?“
Wir gingen zu ihm um suchen zu helfen, konnten die Schlüssel aber trotzdem nicht entdecken. Auch nach einstündiger Suche waren wir erfolglos geblieben, mussten uns damit abfinden, dass das heute nichts mehr werden würde.
Herr Seifert war verzweifelt, wir versuchten ihn zu trösten und die Kollegin Brook erklärte sich bereit ihn mit dem Auto mitzunehmen. Zuhause würde er auf seine Frau warten müssen, von ihr den Schlüssel für seinen Wagen bekommen und dann würde sie ihn herfahren, damit er dann mit seinem eigenen Wagen nach Hause fahren könnte.

Das löste dann aber das Problem der fehlenden Schlüssel noch nicht, weshalb wir einstimmig beschlossen, morgen in der schülerfreien Pause das Lehrerzimmer auf Vordermann zu bringen.
„Das wird die allgemeine Stimmung auch deutlich heben.“ meinte Frau Crande mit einem nicht ganz eindeutigen Lächeln und Herr Helfrich zitierte Hesse: „Das Chaos will als solches erfahren werden, bevor es sich in eine neue Ordnung umwandeln lässt.“

In einer gewissen Weise freue ich mich schon auf Morgen, denn es kommt sicher der ein oder andere vermisste Gegenstand ans Licht. Ich werde mal richtig ausmisten, den ganzen Kram entsorgen, den ich nicht mehr benötige. Denn wie sagte Tucholsky schon so weise: „Ein guter Papierkorb ist die Seele jeder Ordnung.“

Es grüßt ganz lieb
Frau Falke

P.S.: Wenn ich was Schönes finde, bring ich es euch natürlich mit, keine Frage.
P.P.S.: Ja, das hätten wir vor den Ferien machen sollen. Ich weiß…

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Über Frau Falke

Eine Junglehrerin bloggt über ihren Schulalltag in Klassenräumen und Lehrerzimmern, die Eskapaden der Schülerschaft und die Erlebnisse mit dem einen oder anderen Kollegen.
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15 Antworten zu Chaosbeobachtung

  1. Pingback: Auch ein Beobachtungsfokus im Praktikum? Lehrerzimmer | espressodoppio

  2. pausenkaffee schreibt:

    Ich fass es noch nicht, aber da kann ich mein Kollegium echt mal loben. Irgendwie schaffen wir es immer wenigstens die tische sauber zu halten, die in der Schüler- und Eltern-Einflugsschneise sind ;)

    • Frau Falke schreibt:

      Wir haben da mehrere Türen, sodass die Schüler/ Eltern keine Möglichkeit haben unser Chaos zu inspizieren. Aber aufräumen sollten wir trotzdem. :D

  3. Frl. Rot schreibt:

    Habt Ihr feste Plätze an den Tischen?

  4. nadineswelt schreibt:

    Also, ihr arbeitet frei nach dem Motto: Wenn der Tisch mit Glump vollgepackt ist, staubt er wenigstens nicht ein!
    Ja, das Motto kenn ich auch irgendwoher. Viel Spaß und groooooße Mülltonnen fürs Aufräumen!

  5. Inch schreibt:

    Also, das ist kein spezielles Lehrerproblem.
    Mein Schreibtisch sieht auch so aus, außer dass die Essensreste fehlen

  6. frl_wunder schreibt:

    Na dann wünsch ich mal viel Erfolg beim Aufräumen! :)

    Interessant zu hören, dass das an anderen Schulen auch so ist. Wenn ich als Schüler von Zeit zu Zeit wegen irgendwelchen SMV-Sachen “die Höhle des Löwen” betrete, trifft mich fast immer der Schlag. Und gleichzeitig frage ich mich, ob es bei denen daheim auch so aussieht… :D

  7. Pingback: Kartons | sovielzumthemaschule

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