Dietstalking

Dietstalking ist ein Phänomen, das ich immer häufiger in unserem Kollegium beobachte, und wenn ich ehrlich bin, kann ich mich aus der Gruppe Frauen, die akribisch darauf achten, wer wie viel von was zu sich nimmt, nicht ausschließen.

Es ist aber auch gemein, dass die Kollegin Lendor essen kann was sie will, ohne auch nur ein Gramm zuzunehmen, während ich schon bei dem Gedanken an Schokolade vier Kilo mehr auf den Hüften habe. Oder dass die Kollegin Jäger es schafft einen gesamten Tag durchzuhalten, obwohl sie nur einen Apfel ist, und davor nicht einmal ein Frühstück! Aber ihr macht das gar nichts aus, sagt sie, wie auch, sie käme ja sowieso nicht zum Essen

Dann wiederum beruhigt es einen zu sehen, wie andere Kolleginnen reinhauen, wie sie sich die Zimtbrötchen reinziehen oder den Pudding. Da ist das eigene Gewissen nicht ganz so schlecht, weil man sich wieder Nutellabrötchen mitgenommen hat, obwohl man doch bis zum nächsten Sommer wieder in diese sündhaft teure und superheiße Hose passen wollte, in welcher der Hintern so gut aussieht.

Und irgendwie freut es einen dann doch, wenn andere mehr essen als man selbst, auch wenn man eigentlich weiß, dass diese Tatsache nichts am eigenen Kalorienstand verändern wird.

Wen ich ein wenig kritisch beobachtet habe, war die Kollegin Donke, die eine Zeit lang ein recht beunruhigendes Verhalten an den Tag legte. Erst hielt sie Diät, tage-, manchmal wochenlang, dann wiederum brach sie ihre strenge Diät und besorgte sich Unmengen von Schokolade, Riegeln und Pralinen.
Dann saß sie im Lehrerzimmer, das Snickers halb in der Hand verborgen, und stopfte sich die Süßigkeit regelrecht in Mund. Sie tat es mit diesem gewissen Trotz in den Zügen, als geschähe es uns nur Recht, da wir sie dazu gezwungen hatten.

Sobald Frau Donke die Schokolade gegessen hatte, befiel sie das schlechte Gewissen. Sie aß einige Tage wieder genau so, wie es ihr Diätplan vorsah, bekam wieder Heißhunger und das Spiel ging von vorne los.

Dann entdeckte die Kollegin Weightwatcher, und so viele ich schon kläglich bei diesem System scheitern sah, so gut schien es zu Frau Donke zu passen. Seit dem aß sie regelmäßig, litt nicht mehr unter Heißhungerattacken und fühlte sich auch so rundum wohl. Sie hatte die Kilos, welche sie störten, verloren und hielt ihr Gewicht seitdem. Wog sie mal ein Kilo mehr, so zuckte sie nur die Schultern, sie wusste, dass es morgen wieder runter sein würde.

„Es ist echt unglaublich, was wir uns damit antun. Dieser ständige Stress, der ist doch völlig unnötig, oder?“ rege ich mich am Frühstückstisch auf und bekomme keine zufriedenstellende Reaktion darauf.
„Meinst du, dass das bei Frauen einfach im Blut liegt, dieses ständige Schauen, was die anderen machen?“

Ich sehe Herrn Falke an, der nur wenig interessiert von seiner Zeitung aufsieht, weshalb ich gleich nachhaken muss. „Ist das bei euch nicht auch so, ich meine, in der Kantine muss das ja noch viel schlimmer sein als bei uns schon.“

„Was weiß ich, Schatz? Damit beschäftige ich mich nicht.“ Er blättert eine Seite weiter, das Papier raschelt.

Wie kann man denn nur so desinteressiert sein, wenn ich hier den großen Fragen der Menschheit auf der Spur bin?
Eingeschnappt bringe ich meinen Teller und meine Tasse in die Küche, schminke mir im Flur die Lippen in einem leichten Rosèton und verabschiede mich.

Als ich am Abend im Bett liege und Herr Falke von einer viel zu langen Besprechung mit irgendeinem komischen Komitee endlich nach Hause kommt und sich in unser Schlafzimmer schleicht, bin ich hundemüde. Eigentlich möchte ich schlafen, doch er hat andere Pläne.

Herr Falke ist total quirlig, er zieht sich um, wobei er fast umfällt, putzt sich die Zähne in einer Art, die so komisch ist, dass ich fast lachen muss, und lässt sich letztendlich neben mir fallen.

Schlaftrunken, er hatte mich geweckt, blinzele ich meinen Hasen an, der gar nicht so schnell sprechen kann, wie die Worte aus ihm heraus sprudeln. Ich muss ihm erst Mal gebieten seine Schnelligkeit ein wenig herunter zu fahren, damit ich überhaupt mitbekommen kann, was er mir sagen will.

„Du hattest Recht, die Mädels bei mir in der Firma sind die absoluten Dietstalkerinnen.“ Er nickt bestätigend, als würde ich es ihm nicht glauben.
„Und die aus meiner Abteilung, die essen ja nur Salat! Mir ist das nie aufgefallen, aber das ist wirklich so.“

„Freut mich, dass dir das jetzt auch bewusst ist.“ versichere ich, die Augen schon wieder geschlossen.

„Und den anderen Männern ist das ja auch nie aufgefallen, das ist ja das Lustigste! Aber weißt du was? Die beobachten nicht nur, was jede ist, die reden da auch drüber, wer sich was genommen hat und es sich nicht erlauben kann.“ berichtet er verzückt weiter.

Es scheint mir nur wenig zu fehlen, dann beginnt er auf und ab zu hüpfen vor Begeisterung. Mann, bin ich müde.

„Aber weißt du was das Allerbeste ist? Wir haben da ja so eine Waage, für das Salatbüffet, meine ich, und da vergleichen sie auch, wer von was wie viel auf seinem Teller hat! Und wusstest du, dass sie alle die gleiche Soße nehmen? Weil die anderen zu viel Fett enthalten oder so, total irre.“ Er strahlt mich an, erwartet eine Reaktion.

Ich drehe mich zur Seite, die Augen zugepetzt, denn ich will ja schlafen und nicht über irgendwelche diäthaltenden Kolleginnen von ihm diskutieren.

Er berührt mich am Arm und schüttelt den Kopf. „Ich verstehe dich einfach nicht, Schatz. Wie kann dich das denn nicht interessieren?“

Es grüßt ganz lieb,
Frau Falke

P.S.: Dietstalking fällt am nächsten Morgen aus, samstags sind da zum Glück nur wir beide. ;)

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Über Frau Falke

Eine Junglehrerin bloggt über ihren Schulalltag in Klassenräumen und Lehrerzimmern, die Eskapaden der Schülerschaft und die Erlebnisse mit dem einen oder anderen Kollegen.
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13 Antworten zu Dietstalking

  1. Jürgen schreibt:

    Das Diktat der Mode und der Schönheitsideale.
    Wenn frau da mitspielt…

  2. sunshinemuffin schreibt:

    Oooh, Dietstalking ist auch unter Lehrern verbreitet? Höchst interessant :D
    Unter Schülerinnen ja leider auch. Das ist ein immer passendes Gesprächsthema. Eine aus meinem Kurs ist superglücklich mit Weight Watchers und redet die ganze Zeit darüber, eine andere versucht’s ab nd zu halbherzig mit Trennkost und sagt sich dann doch wieder “Ach, was soll’s” und isst lauter Süßkram, eine kommt immer nur mit Gemüse und Diätriegeln zur Schule(und Kuchen, von dem sie dann aber meist nichts isst – perfide Strategie, die anderen dazu zu bringen, mehr zu essen!) und so weiter und so fort…
    Ich hatte neulich schon überöegt, mal was darüber zu schreiben… Ich glaube, das sollte ich tatsächlich mal tun :D

    • Frau Falke schreibt:

      Eigentlich ist es ganz scheußlich, nicht wahr? Aber ja, es hat auch das Lehrerzimmer erreicht. Wobei es bei uns -so Gott will- nur eine Phase ist. Ich hoffe es wird sich nicht wie bei den Schülern durchsetzen. Sonst verordne ich den Kolleginnen nämlich auch mal ein Ernährungscoaching. ;)

  3. Inch schreibt:

    Auch wenn die Herren der Schöpfung sich nicht dafür interessieren, was Frau so isst, fällte ihnen doch sicher auf, wenn irgendwo bei Frau was schwabbelt. Und darüber, da bin ich sicher, reden sie dann. Was sie natürlich nicht davon abhält, vorwurfsvoll oder auch nur kopfschüttelnd ein “Wenn frau da mitspielt…” in den Raum zu werfen.
    Grmpf

    • Frau Falke schreibt:

      Um ehrlich zu sein haben wir auch den einen oder anderen Kollegen, der sich aus dem Dietstalking nicht herausnehmen kann. Dass Männer von dem Ganzen gar nicht berührt werden, glaube ich ebenfalls nicht. Sollte sich aber auch nur einer der Kerle darüber äußern, dass es ihm nicht passt, dass da etwas schwabbelt, wäre sicherlich das letzte Mal, zumindest in meiner Gegenwart…

  4. ullli23 schreibt:

    Also zusammengfasst: Frauen betreiben “Dietstalking” und Männer maximal “Diettalking” ;)

  5. TickleMeNot schreibt:

    “nachharken” – nachhaken, nicht nachharken :)

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