Ältestenrat

Bei uns gibt es einen Tisch, an dem das Mindestalter 62 Jahre beträgt, was selbst bei Deutschlands überalternden Lehrer-Kollegien eine ziemliche Besonderheit ist.
Die Lehrer, welche die Ehre haben an jenem Tisch sitzen zu dürfen, sind uns anderen in einigem voraus, sie haben mehr Erfahrungen gesammelt und sich oft genug ausprobiert. Kommen die Referendare mit neuen Ideen, hat Unsereins neue Unterrichtsansätze, der Ältestenrat hat es schon erlebt, sie wissen wie es laufen wird.
Manch einer mag ihnen vorwerfen sie würden sich dem Unbekannten und Neuen verweigern, Fakt ist aber, dass sie vor einigen Jahren selbst versuchten diese Ideen umzusetzen. 

Den Ältestenrat kann man in Fragen zu Rate ziehen, die unangenehm sind. Ob nun ein Kollege, der sich schlecht benommen hat oder ein Schüler, mit dem man ein ganz spezielles persönliches Problem hat- sie wissen einem zu helfen.

 Auch ihre Geschichten sind immer interessant, wie zwei von ihnen sich schon im Studium kennenlernten und nie den Kontakt verloren, bis sie sich an unserer Schule endlich wiedergetroffen hatten. Oder wie der andere Kollege damals bei Demonstrationen dabei war, wo „auch mal Autos in Brand gesteckt wurden und Steine flogen.“. Das Problem an diesem Tisch ist nur, dass man sich die Geschichten nicht bloß zwei oder drei Mal anhören muss, sondern immer und immer wieder.

 

 Ich für meinen Teil wanderte heute also kaffeeschlürfend durchs Lehrerzimmer und erhaschte noch den Einleitungssatz zu der Tannenzapfgeschichte, als ich einen Ring am Finger von Herrn Reven erblickte, den ich dort noch nie gesehen hatte.
Nach ungefähr drei Sekunden ging mir dann ein Licht auf, denn meist sah ich den Kollegen in Sportsachen und es war klar, dass er im Sportunterricht keinen Schmuck tragen durfte.

 Meine drei Sekunden Denkzeit waren für den Ältestenrat schon zu viel, sie nutzten es aus jemanden in der Runde zu haben, der sonst nicht dabei war. Herr Reven deutete auf das mattschimmernde Schmuckstück. „Mein Sklavenring.“

 „Jaja, so ist das mit der Ehe nun mal.“ schafft es Kollege Neuborn mal wieder ins Gespräch mit ein zu steigen.
Er schafft das immer, notfalls mit einem „Apropos >Hier zuletzt gefallenes Wort einfügen<…“

Da sah er mich an, als habe er meine Gedanken erraten. Aber nein, Glück gehabt.

 „Wenn Sie schlau sind, Fräulein Kollegin, warten Sie bis zum Schluss mit dem Heiraten, dann können Sie sich wenigstens den Besten aussuchen.“

 „Bis zum Schluss?“ harkt Kollegin Zierlein nach. „Wann soll denn das sein?“

 „Wenn sie einen Braten in der Röhre hat, ist doch ganz klar.“ kommentiert Kollege Reven kaltschnäuzig.

 Frau Peters schüttelt den Kopf. „Also bitte, heutzutage ist es doch wahrlich kein Ding mehr für eine junge Frau ihr Kind allein groß zu ziehen. Dafür muss sie doch nicht heiraten.“

 „Eben. Außerdem hat sie eine Ausbildung, einen soliden Job- was braucht sie da einen Ehemann?“ befindet auch Kollegin Zierlein.

 Kollege Neuborn gibt sich mit einer hilflosen Geste geschlagen. „Vielleicht habt ihr Recht, sie braucht wirklich keinen Mann.“

 Die beiden Frauen fühlen sich bestätigt und Kollege Reven sieht nachdenklich auf seinen Ehering.
Mich jedoch beschäftigt nach dieser Offenbarung des Ältestenrats eine ganz andere Sache:
Wie bringe ich Herrn Falke bei, dass er mich nicht heiraten darf?

 

 Es grüßt ganz lieb,
                       Frau Falke

 P.S.: Hochzeitsgeschenke werden trotzdem noch angenommen. Danke.

 

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Über Frau Falke

Eine Junglehrerin bloggt über ihren Schulalltag in Klassenräumen und Lehrerzimmern, die Eskapaden der Schülerschaft und die Erlebnisse mit dem einen oder anderen Kollegen.
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6 Antworten zu Ältestenrat

  1. Theni schreibt:

    ” Das Problem an diesem Tisch ist nur, dass man sich die Geschichten nicht bloß zwei oder drei Mal anhören muss, sondern immer und immer wieder.” xD wie schön (oder beunruhigend?!), dass nicht nur die Schüler diese Laberanfälle abbekommen… Anscheinend gehört ein Großteil “meiner” Lehrer aus so einer Truppe… Nur dass es meines Wissens keinen extra Tisch bei uns im Lehrerzimmer gibt (oder einige junge Kollegen haben sich da auch schon eingeschlichen… :D ) und die “alten” sich eigentlich gar nicht miteinander vertragen… xD
    lg, Theni

    • Frau Falke schreibt:

      Wahrscheinlich haben sich deine einfach an verschiedene Tische verteilt. Was vielleicht aber auch bedeutet, dass sich diese Angewohnheit jetzt ausbreitet… Muhaha.

      • Theni schreibt:

        wuha! Hoffentlich nicht…
        (Ich glaub, die drängen sich alle um Lieblingslehrers Tisch.. xD Also sitzen da er, ein paar nette ältere und einige jüngere, die einen Platz ergattert haben. Die anderen müssen halt ausweichen… xD )

  2. rueckenpatientin schreibt:

    ” Das Problem an diesem Tisch ist nur, dass man sich die Geschichten nicht bloß zwei oder drei Mal anhören muss, sondern immer und immer wieder.”

    Ich glaube, dieses Phänomen gibt es nicht nur bei älteren Lehrern, sondern allgemein bei älteren Menschen. Und genau das ist der Grund, warum ich meine Haustür immer erst einen Spalt öffne und dann nachsehe, ob mein Nachbar sich dort irgendwo aufhält :)

    • Frau Falke schreibt:

      :) Ja, das ist wohl weit verbreitet. Wobei es bei denen ja echt süß ist, irgendwie. Nur sind halt Geschichten dabei, die man schon nicht einmal erzählen sollte…

  3. Pingback: Lehrertypen II: Das wandelnde Lexikon, der Verplante, die Stimme der Vernunft und der Private | sovielzumthemaschule

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